Galerie Mezzanin

Michael Hakimi
Connecting the Dots

Pressetext

Galerie Mezzanin freut sich sehr, Michael Hakimis erste Einzelausstellung in Wien zu eröffnen. Trotz ihrer Zeichenhaftigkeit und klaren Formen, stellen Michael Hakimis Arbeiten  zu den sie umgebenden und den sie bedingenden Kontexten in vielfältiger Weise Verbindungen her. In ihnen kreuzen sich Bezüge zum Raum, Körper, zu den Bedingungen von Wahrnehmung und zueinander, die in immer neuen Ausprägungen formuliert werden.

 

Doch versuchen die Arbeiten dieses Koordinatenkreuz immer wieder weit über die konkreten örtlichen Bezüge und Begrenzungen hinaus in einen Horizont jenseits der Galeriemauern hinein zu spiegeln. Dabei wird Repräsentation und Narration im Entstehen beobachtbar, aber  auch die Frage aufgeworfen wie sehr sich politische Themen über eine Grammatik der Formen überhaupt adressieren oder gar beschreiben lassen.

 

Wie der Titel "Connecting the Dots", so scheint auch die Ausstellung selbst in zwei unterschiedliche Richtungen lesbar zu sein. Die erste, wäre eine sozusagen morphologische, die die Formen zu einer Art losen, etwas sprunghaften Permutationsreihe zwischen Kreis und Quadrat anordnet, und die dabei entstehende Bedeutungsveränderungen konstatiert. Während die andere Lesart versucht die so entstandenen Bedeutungen und ihre teilweise äußerst aufgeladene Symbolik in Erzählung aufgehen zu lassen.

 

In ihrem jeweils sehr suggestiven aber sich scheinbar gegenseitig ausschließenden Auftritt, scheint eine Lesart die Glaubwürdigkeit der jeweils Anderen zu torpedieren oder sie gar ad absurdum zu führen. Wenn z.B. eine Geschichte des Strassenkampfes und umkämpfter Medien (eine Konstellation die vermutlich nicht ganz zufällig an die Ereignisse nach den iranischen Präsidentschaftswahlen im Sommer 2009 denken läßt), in wenn man so will, "visuellen Reimen" organisiert wird. Bei näherer Betrachtung zeigt sich allerdings, dass es neben dem Widerstreit dieser Leseweisen auch feine Übergänge gibt, in denen das Verhältnis von Form und Inhalt in seiner Gegensätzlichkeit und dennoch Untrennbarkeit für einen Moment offen zu liegen scheint.

 

 

Michael Hakimi: Connecting the Dots

Hans Jürgen Hafner

 

Orte, wo die Fäden zusammenlaufen. Wo sich bündelt, was aus allen möglichen und unmöglichen Richtungen aufeinander zusteuert. An solchen Orten, möchte man gern glauben, müsste größere Übersicht herrschen, als anderswo. Dort, wo sich verbindet, was ansonsten unverbunden bleibt, was sonst womöglich ohne jede Aussicht auf ein gegenseitiges Kennen, ohne Wissen voneinander passiert. Nur mehr der Name erinnert an die ursprüngliche Funktion des Berliner U-Bahnhofs Gleisdreieck. Die ursprünglich niveaugleiche Gleisführung als Verbindung zwischen Anhalter-, Dresdener und Potsdamer Bahnlinie in Dreiecksform wurde in den 1910er Jahren zum Kreuzbahnhof mit danach einander überkreuzenden Strecken umgebaut. Heute kreuzen sich auf den beiden Ebenen der übereinander liegenden Viadukte am Gleisdreieck die Linien U1 und U2. In Nord-Süd-Richtung durchschneidet außerdem der unterirdische Fernbahntunnel das Areal, das für den Kraftverkehr und Fußgänger allerdings weiträumig unpassierbar. Paradox daran ist, dass täglich eine riesige Zahl von Menschen das Gleisdreieck passiert, ohne Aufschluss über das Gleisdreieck als Ort bekommen zu können. Der Autoverkehr wird um das zwischen Schöneberg und Kreuzberg gelegene Areal herumgeführt. Auf das Gleisdreieck zuführende Straßen, wie die Schöneberger Kurfürstenstraße enden in einer Sackgasse. Ebenso wenig ist es möglich, am Gleisdreieck auszusteigen und den Bahnhof zu verlassen. Dieser Ort ist ein Nicht-Ort. Hier laufen die Wege Vieler zusammen, allerdings nur, um sich sofort wieder zu trennen. Zufälliger Knotenpunkt. Lose Fäden.

 

„Connecting the Dots“ überschreibt Michael Hakimi (Jg. 1968) sehr präzise seine erste Wiener Einzelausstellung. Was ein bisschen nach einem Versprechen klingen könnte. Einem Versprechen, wie wir es von einer Ausstellung vielleicht aber auch so erwarten würden. Schließlich laufen in der Ausstellung üblicherweise die Fäden zusammen. Sie bildet den Ort, in dem Arbeiten, die normalerweise an und für sich oder vielleicht sogar mit Blick auf potenzielle Bezüge entstehen, zumindest zeitweise miteinander ‚können’ müssen. Hier nehmen sie tatsächlich Verbindung zueinander auf. Sie könnten ja auch nicht anders. Nichtsdestotrotz bildet die Ausstellung ihrerseits einen Rahmen anderer Ordnung, in dem etwas (vielleicht genau das Erwartete oder etwas völlig anderes?) zu passieren verspricht.

 

Immer wieder werden Hakimis Arbeiten als Akte des Formalisierens beschrieben. Wie er Information auf Zeichenhaftigkeit, Form und Substanz oder Zeichen auf ihre Zeige- und Mitteilungsfähigkeit hin überprüft. Das klingt nach einer wesentlich ‚abstrakteren’ Anordnung, als es tatsächlich sein muss. (Eine Anordnung, die sich aber sehr wohl im ersten Eindruck wieder finden ließe, den seine Arbeiten bzw. die Ausstellungstableaus auslösen, zu denen er diese Arbeiten zusammenfasst. Zu seiner Beschreibung gehen Wörter wie ‚reduziert’, ‚konzentriert’, ‚bereinigt’ – aber auch ‚chiffren-’ oder ‚rätselhaft’ ziemlich leicht von den Lippen.) Der Eindruck des bereinigt-Abstrakten soll aber nicht darüber täuschen, dass Michael Hakimis Überlegungen, sozusagen, eng am Material stattfinden. Akte des Formalisierens können durch Handgriffe geschehen, mit Hilfe der Säge oder mit dem Finger am Abzug im Rahmen der Werkzeugpalette von Photoshop passieren. Sie ergeben sich nach formalen, technischen, konzeptuellen Suchfiltern. In einer in glühenden Farben auf schwarzem Grund schablonierten Silhouette lassen sie sich ebenso gut festmachen wie eintauschen gegen die Assoziation einer dramatisch illuminierten Landschaft. Genauso wie das Material, von der Schuhsohle bis zum Signum, spielen Medien, im buchstäblichen wie übertragenen Sinn, für die Arbeiten Hakimis eine besondere Rolle. Oft gehen Material und Medium dafür prekäre Allianzen ein. Wo und wie es passieren kann, dass sich Bedeutung konkretisiert (oder sich sonst wohin verflüchtigt). Was ein Zeichen physisch ausmacht oder unter welcher Vereinbarung es vorkommen müsste, damit es entweder eine gewichtige Botschaft transportiert oder einfach nur genau das bisschen vorstellt, was es ist. Denn was wäre von der mächtig auftrumpfenden Geste des Siegers zu halten, solange ihm die Kugeln um die Ohren fliegen?

 

„Connecting the Dots“ stellt einerseits sehr fragile und zum Teil ziemlich offensichtliche Knotenpunkte her. Was dabei wahrscheinlich keine sonderliche Rolle spielt, sind Geschmacksgrenzen. Material und Medien, Formen und Zeichen verbindet eine fragile Dialektik. Und nach verschiedenen Richtungen hängen Fäden, überzählige Reste und ergiebige Andockstellen heraus. Manches Ding ‚sieht’ sich deutlich einfacher, als dass es sich als Sachverhalt präzise ‚lesen’ lassen würde. Wie kompliziert es werden kann, hängt vor allem von unserer Bereitwilligkeit dazu ab. Es kann aber immer kompliziert werden! Und das ist nicht so schlecht.

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